Das Experten-Interview

Folgen der Corona-Krise

„Wir rechnen mit einer Perspektive von zwei Jahren“

Birgit BaumgärtnerDie Caritas-Armutsexpertin Birgit Baumgärtner will wichtige Themen wie Bildungsteilhabe, Armut im Alter oder bezahlbarer Wohnraum noch stärker angehen als bisher.privat

Gleichzeitig werben sie für Solidarität und Gemeinsinn. Die Kampagne "MiteinanderFüreinander" sei eine gute Antwort auf die neue Krise. "Zu uns kommen jetzt Menschen, die sich früher nie hätten träumen lassen, eine Beratung in Anspruch nehmen zu müssen", so Birgit Baumgärtner. Unverschuldet, abrupt und ohne Vorwarnung seien viele in eine finanzielle oder soziale Schieflage geraten. Nach ihrer Erfahrung sei es für die Menschen leichter, die Krise zu überbrücken, wenn Unterstützung und Hilfe da seien.

Heiner Heizmann legte Wert auf die Tatsache, dass die Caritas auch in der Corona-Krise generell auf dem unmittelbaren Kontakt zwischen Beratern und Klienten stattfindet. Um Mitarbeitende und Ratsuchende bestmöglich zu schützen, habe man die Caritas-Dienste - soweit möglich - entweder auf Online- oder Telefonberatung umgestellt. Inzwischen sind acht Caritas-Regionen mit zwölf Teamberatungsstellen und 35 Mitarbeitenden in die Online Beratung eingestiegen. "Trotz der vorgeschriebenen Distanzierung stehen wir weiter für die Menschen zur Verfügung - auch persönlich", betont Heizmann.

Erst einmal erklären, wie man Hilfe abruft

Gleichzeitig bemerken die Caritas-Experten auch einen neuartigen Beratungsbedarf. Menschen, die nie Sozialleistungen bezogen haben, brauchten nun schnell und unkompliziert staatliche Hilfen. Ihnen müsse gesagt werden, wie sie Hilfen abrufen können. Oft gehe es um praktische Sachen wie um die Fragen: Wie und wo stelle ich einen Antrag? Welche Hilfen stehen mir überhaupt zu?

Heiner HeizmannHeiner Heizmann: "Wir rechnen damit, dass mehr Menschen langfristig auf unsere Unterstützung angewiesen sind."Thomas Wilk

Einig sind sich Baumgärtner und Heizmann in der Einschätzung, wie lange die Krise noch dauern werde. "Mit den Spätfolgen der Corona-Pandemie sind wir wohl deutlich länger befasst als mit der Frage nach dem Impfstoff", berichtet Heiner Heizmann. "Zurzeit rechnen wir mit einer Krisenzeit von zwei Jahren. Wir rechnen damit, dass mehr Menschen langfristig auf unsere Unterstützung angewiesen sind."

Vor allem die sogenannten "Solo-Selbstständigen" seien eine ganz neue Zielgruppe, die kurzfristig Unterstützung benötigten. "Gerade sie wollen wir möglichst schnell über gezielte Hilfen wieder aus dem Hilfesystem bekommen." Viel hänge letztlich auch davon ab, wie schnell die Wirtschaft wieder anspringe.

Auf jeden Fall müsse man auch die langfristigen Folgen der Corona-Pandemie im Blick behalten, so Birgit Baumgärtner. "Diese Folgen werden noch lange spürbar sein. Deshalb müssen wir so wichtige Themen wie Bildungsteilhabe, Armut im Alter oder bezahlbarer Wohnraum noch stärker und konkreter angehen als bisher."

Hintergrund: Was tut die Caritas konkret?

Der Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart betreibt die Allgemeinen Sozialberatung in neun Caritas-Regionen. Hier sind 49 Mitarbeitende beschäftigt, die an 54 Standorten in Württemberg Sprechstunden anbieten. Unterstützt wird die Allgemeine Sozialberatung auch durch die Stiftung Franziskusfonds des Bistums, im vergangenen Jahr mit über 200.000 Euro an Beihilfen.